Auf ein Bier mit der roten Couch #2

Ein Artikel ist erschienen, der zumindest in dem von mir beobachteten Teil der sozialen Netzwerke Aufsehen erregt. Aufsehen ist per se gut: Als Ausdruck von Emotion und/oder Pikiertheit, ins negative oder positive, aus dem willen und der Bereitschaft sich auch noch echauffieren zu können.

couchbeer2

Ich empfehle den Artikel in seiner Gesamtheit. Natürlich ist dieser Artikel trotz seiner Pointiertheit, der beeindruckenden Fähigkeit des Autors Zusammenhänge darzustellen und nachvollziehbar zu machen und dem Fakt, dass ich ihm zustimme, immer noch eine Meinungsäußerung unter vielen.

Ich möchte einfach mal ein paar Sätze aus dem Zusammenhang gerissen vorstellen, weil ich mit Ihnen Verbinde (I.S.v. engl. „connect“). Ihn ihnen trifft sich viel Wahres, so einiges Überspitztes und ziemlich genau meine Art zu denken und Satire zu verstehen, bzw. das Verständnis auch über Unschöne Sachverhalte lachen können zu müssen, um die Mächtigkeit des Vorgefallen in Häppchen verdauen zu können.

Zur Einleitung wird viel über Tabus gesprochen:

Wie wir wissen, ist Deutschland eine einzige Tabuzone. Kaum jemand traut sich beispielsweise zu sagen, dass Sinti und Roma auch Menschen sind.

Und überspitzt.

Rechenbeispiele sind Gute. Natürlich lassen sich mit Zahlen und Vergleichen immer auch zwei Seiten einer Medaille beleuchten, allerdings kann mit vergleichenden Zahlenspielen auch sehr eindrücklich gemacht werden in welchen Dimensionen sogenannte Krisen ablaufen.

Lassen Sie uns überlegen: 360.000 Quadratkilometer für 82 Millionen angebliche Deutsche macht 4.300 m² pro deutschen Menschen (220 pro km²). Kämen nun, sagen wir mal 60 Millionen dazu (derzeit geschätzte Zahl der Kriegsflüchtlinge auf der Welt), blieben für jeden gerade einmal noch 2.600 m², die Dichte stiege auf 360 pro km² an. Das entspricht ziemlich genau der Bevölkerungsdichte von Israel (370), Indien (370) oder Japan (340) und liegt zwischen den Niederlanden (400) und Belgien (350). In Bangladesch (1070) gilt das als gähnende Leere; auch in Südkorea (520) ist’s ein bisschen enger.

Ein weiteres im Vorgriff auf das Schlusswort:

Herr Winterkorn und seine Spießgesellen – auch dies muss jetzt einmal gesagt werden dürfen – haben in den letzten zwei Wochen knapp 50 Milliarden Euro vernichtet. Davon kann der deutsche Pegidianer bei 2.000 Euro voraussetzungslosem Grundeinkommen 500.000 Jahre lang leben. Hiervon gibt er, kinder- und tierlieb wie er ist, gern etwas ab, und schon ist die Grenze der Möglichkeiten eine ganz andere.

Und immer wieder eingestreut Denkanstöße, die zum Reflektieren über die eigene Situation anregen:

Ist Deutschsein am Ende vielleicht eher eine Haltung als eine Hautfarbe?

Nicht ohne den Zusammenhang mit anderen aktuellen Nachrichten herzustellen, zu überspitzen, und so den Bogenschlag zum weiteren Verlauf des Textes herzustellen:

Was, so fragt sich der Deutsche in diesen harten Tagen, würde der Taliban machen mit einem wie Herrn Winterkorn, der uns doch sein Ehrenwort gegeben hatte, dass im Jahr 2215 der Golf LVII, 18 Meter lang, 0,7 Meter hoch, in der Lage sein werde, auf der Strecke von Berlin nach München 7,7 Liter Diesel zu erzeugen aus dem bloßen Abgas der osteuropäischen Lastkraftwagen, die die rechten sechs der zwölf Autobahnspuren blockieren.

Wie wichtig Wörter und deren allzu oft anscheinend allgemeingültige und verbreitete Definition sind, wird aufgezeigt:

Denn es gibt außerhalb des Hirns eines deutschen Professors nichts, was nicht gedacht werden kann, außer dem puren Nichts selbst (für das aber nicht Herr Winkler zuständig ist, sondern der Dalai Lama).

Es geht natürlich um das „Undenkbare“ was dann doch einer denken muss (oder denken dürfen muss/ denken können dürfen muss).

Einen neuen Unterton des Nationalismus filterte sein feines Gehör aus dem allgemeinen Stolz auf die Weltmeisterschaft im Altkleiderspenden, und sorgenvoll mahnte er: „Das kann kippen!“ Chefredakteur Schwennicke fand das obereinleuchtend. Auch Herr Kreuzer von der CSU schaute freudig erregt und bemühte sich, weitere Tabu-Fragen zu formulieren, die mir allerdings nicht in Erinnerung geblieben sind.

Und eine absurde Idee, die die nächste jagt:

Thilo Sarrazin, Berliner Seniorenmeister des gepflegten Deutschseins, hat es schon als 10-Jähriger geträumt: Grundrechte gelten „nach Maßgabe der Möglichkeiten“.

und:

Und zu guter Letzt: Greift die Menschenwürde auch da Platz, wo sie nach Maßgabe der Möglichkeiten gar nicht vorkommen kann?

Ausländer!, so rief der Herr Bundespräsident am 3. Oktober aus der Paulskirche in die Welt: Ausländer! In Deutschland gilt, was Ihr vermutlich nicht kennt. Denn Deutschland steht, seinem Wesen nach, für die Werte der Freiheit. Hier herrschen seit Jahrtausenden Gleichberechtigung der Frauen, Anerkennung der Homosexualität, Toleranz für jedwede Meinung. Hier ist jedes Mädchen und jeder Junge, sei er oder sie auch noch so arm, gleichberechtigt an der Bildung und an der sozialen Kultur beteiligt. Hier darf man niemanden schlagen um seiner Meinung willen: Mit der ganzen Härte seines sanften Rechts geht der deutsche Staat gegen jene vor, die andere Menschen diskriminieren aufgrund ihres Glaubens, ihrer Volkszugehörigkeit oder ihrer ethnischen Identität. Gerade eben wieder hat das deutsche Volk eine neofaschistische Mörderbande entlarvt und in München vor Gericht gestellt, die womöglich Morde aus rassistischer Gesinnung begangen hatte. Polizei, Geheimdienste, Justiz und Verwaltung dieses Landes sind Horte der Demokratie, der Unabhängigkeit, der Offenheit für Bürgerrechte.

Reißt euch zusammen, ihr jungen Männer aus den Urwäldern und Steppen der Welt, wie es unsere jungen Männer tun: ultrafleißig, ultrafriedlich, ultradeutsch.

Die ein solches Unheil trifft, sind Menschen nicht „wie wir“, sondern es sind wir Menschen selbst. Die Unglückseligen sind keine Analogien zu uns. Wir sind es selbst. So wie das Kind, das in Bangladesch in einer giftigen Brühe unsere T-Shirts färbt, unser eigenes Kind ist.

Das eine Angstdebatte – also eine Debatte mit Angst als Motivator – in dieser Frage (und eigentlich in so ziemlich jeder Frage) fehl am Platz ist, ist der Erwähnung wert:

Personen, die sie verbreiten, werden als „Gutmenschen“ beschimpft. Das meint: Rückgratlose Verantwortungsapostel ohne persönliches Opfer (schlimmstenfalls); demonstrative Opfer-Bringer ohne Ahnung von der Härte der Welt (im besten Fall). Beide Herabsetzungen sind gleich dumm. Die sie produzieren, gerieren sich als Verwalter der Rationalität, sind aber nur Propheten der Angst.

Woher aber die Angst kommt wird auch gleich klar gestellt:

Seit es menschliche Gesellschaften gibt, „produzieren“ sie Vorstellungen und Identitäten von Innen und Außen: von den Dazugehörigen und den Fremden. Die Fremden sind die Feinde. Die Merkmale, anhand derer diese Differenzierung getroffen wird, sind nicht zufällig, aber willkürlich; sie folgen keiner übergeordneten Rationalität.

Die ganze sogenannte „Problematik“ ist dem Deutschen Durchschnittsbürger ziemlich scheißegal, so lange der Sprit billig, der ADAC zuverlässig und der Flüchtling nicht vor der Haustür ist. Staatsgrenzen, Systemgrenzen, geographische Grenzen: Ach, der ganze Traum von Europa! Hand in Hand: Kohl und Mitterand, Schmidt und Giscard, Merkel und schau’n mer mal.

Ich bekomme in täglich mit, dass aber die Mitmenschlichkeit und die Anteilnahme am Schicksal flüchtender Menschen für vile nicht egal oder gleichgültig ist. Da brauche ich nicht so weit weg zu gucken, wie durch den Fernseher nach München an den Bahnhof, sondern es reicht im eigenen Freundeskreis zu schauen wie viele Menschen persönlich dazu beitragen, dass die Qualen der teilweise langen Flucht hier nicht auf Hass und Fremdenfeindlichkeit stoßen. Das ist ein gutes Zeichen.

Und immer wieder Absätze, die anhand einfacher Zusammenhänge und richtiger Schlussfolgerungen die Begründung für Wortwahlen liefern:

„An der Grenze angelangt“ soll Deutschland sein. Wenn das so wäre: Armes Deutschland! Das Problem ist die Definition dessen, was wir als „Grenze“ und „Belastbarkeit“ ansehen. Die Grenze wird offenbar da gezogen, wo unser eigenes Alltagsleben tangiert ist. Also: Flüchtlinge so lange, bis ich mich einschränken muss. Was für eine erbärmliche Definition des „Möglichen“, was für eine peinliche Vision!

Stichpunkte die an sich schon satirisch meinen Humor treffen, mich zum grinsen bringen und sich definitiv als Twiter-take-away eigenen, lohnen sich im Zusammenhang nachzulesen:

Die CSU gründet eine Task Force unter Leitung von Edmund Stoiber, egal für was.

Helmut oder Angela oder Erich: scheißegal.

Der Fisch wird knapp, und die Quarkkeulchen erst recht!

und was besonders auf- und gefällt und beeindruckt ist der Schnitt vom Großen ins Kleine und die Bezüge vom lokalen ins entfernte Fremde, von dem man weiß, dass schlecht, moralisch verwerflich und im schlimmsten Wortsinne unschön ist:

Die Terroristen da draußen sind nicht blöd. Sie graben sich durch, sie vergiften unser Wasser oder häuten alle Robbenbabys live im Fernsehen, sodass unsere gepiercten deutschen Abiturientinnen magersüchtig werden vor Mitleid und heimlich ihren Twitter-Account herausgäben, über den Hacker etwas vollkommen unmenschlich Perverses gegen unsere abendländische Menschenwürde unternähmen. Zum Beispiel kleine deutsche Kinder mit verätzten Händen in einer stinkenden Brühe von Elektronikschrott herumkramen lassen oder sie für 8 Cent pro Stunde 16 Stunden am Tag in einer Leder-Gerberei in Dakar knechten.

Der Schlusspunkt:

Das Erbärmlichste, was uns Politiker zurzeit liefern – ob mit oder gegen ihre Überzeugung – ist die Reaktivierung von nationalistischen Dummheiten und einer Kultur der Abschottung, die angeblich dem „Interesse der Menschen“ entspricht. Das wird verbrämt mit Phrasen von den „Sorgen der Bürger“ und allerhand „Befürchtungen“.

VG FOE

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